Guru Purnima – Der Tag der Meister

Im Westen feiern wir liebevoll die Tage, die unseren Eltern gewidmet sind. Diese Tage sind bekannt als Vatertag und Muttertag. An diesen Tagen gehen wir zu unseren Eltern und begrüßen Sie. Wir danken ihnen dafür, dass sie die Instrumente für unserer Geburt im Körpertempel sind und das Spiel der Seele auf dem irdischen Altar ermöglichen. Dankbarkeit ist der Charme im Leben, der das Ego reduziert und Liebe bringt. Die Taittariya Upanishaden (I:2:3) besagen, matr devo bhava, pitr devo bhava, acharya devo bharva: “Liebt die Mutter als das Göttliche, liebt den Vater als das Göttliche und den Guru-Lehrer als das Göttliche.“
Der Guru-Lehrer wird gleichzeitig als Mutter und Vater bezeichnet, weil der Guru das Instrument für die geistige Wiedergeburt (Dvija) der Person ist. Die Einweihung ist die Wiedergeburt, und die Führung und die praktischen Anweisungen des Gurus sind die göttliche Nahrung für unser spirituelles Leben.

Mehrere tausend Jahre haben die Menschen in Indien den Tag der Meister gefeiert – Guru Purnima. Es ist der Tag, der dem göttlichen Guru und Meister gewidmet ist, der sein/ihr Leben der spirituellen Entwicklung der Schüler/Kinder gewidmet hat. An diesem Tag kommen die Schüler zum Meister und bieten ihm Dankbarkeit in Liebe und Hingabe dar. Dankbarkeit dafür, was ihm/ ihr durch die Gnade des Meisters und seine Lehren zuteilwurde.

Dieses Guru Purnima, der Tag der Meister, fällt auf den Vollmondtag des Monats Juli. Das ist der Geburtstag des bedeutenden Heiligen Maharshi Vyasa, der Autor der Mahabharata (welches die Bhagavad Gita beinhaltet), des Bhagavatam, der Brahma Sutren, der achtzehn Puranas und der Herausgeber der Veden. (Mehr Details zum Leben von Vyasa finden Sie in dem Magazin Soul Culture, Vol 7.3, p.20-28). Am Vollmondtag gibt es sowohl tagsüber als auch nachts Licht, das ist das Symbol für Wissen oder Erleuchtung. Genauso wie das Licht die Dunkelheit vertreibt, so verschwindet Unwissenheit durch Wissen. Selbst- Erkenntnis ist das Licht, das uns von der ausschweifenden Dunkelheit des Leidens und Unglücks im Leben befreit.

Die Mundaka Upanishaden (1:2:12) besagen, tad vijnanartham sa furm eva abhigacchet samit-panih srotriyam brahma nistham:“Um das Wissen Dessen zu erlangen, möge er nur mit dem Opferholz in der Hand an einen Guru und Meister, der die Schriften kennt und in Brahman etabliert ist, herantreten." Hier werden zwei Qualitäten des göttlichen Lehrers wie folgt hervorgehoben: srotriya, eine Person mit Selbst-Erkenntnis und brahmanistha - jemand, der sich immer im Gottesbewusstsein befindet.

Mit dem Feuerholz

Im vedischen Zeitalter lebten die Rishis gewöhnlich in Einsiedeleien, die sich im Wald, am Flussufer oder am Berghang befanden, wo es genug Feuerholz gab. Gleichermaßen nähert sich der Schüler dem Guru-Lehrer mit Feuerholz für das Opferfeuer. Der Guru-Lehrer ist eine brennende Flamme, die in dem ewigen Licht des Wissens und der Wärme der Liebe brennt.

Diese Flamme kann alles, was sie berührt verbrennen, einschließlich aller negativen Eigenschaften. Wenn ein Schüler wie trockenes Feuerholz frei von jeglichem Ego ist, wird er oder sie leicht Feuer fangen und gereinigt werden. Umgekehrt ist ein Schüler voller Ego wie nasses Holz, das nur qualmt. Im Holz ist unmanifestiertes Feuer verborgen.

Die Upanishaden besagen:

tilesu tailam, dahhiniva sarpih
apah stroasu aranisu ca agnih

Wie Öl im Sesamsamen, Butter in der Milch, Wasser in der Strömung des Flusses und Feuer im Holz, so ist die Seele im Leben jeder Person unsichtbar. Beim Treffen mit dem Guru-Lehrer vereinigen sich trocknes Feuerholz und Feuer. Das ist das Opferfeuer – das Darbringen allen Negativen mit einem Gebet zur Reinigung. Wenn Unwissenheit dem Licht und der Hitze der Liebe geopfert wird, dann wird das Opfer zu einer heiligen Kommunion der Transformation.

Chaturmasyam, die heiligen vier Monate

In Indien sind die Monate Juli bis September die Monsun Monate, in denen es extremen Regen und Überflutungen gibt. In früheren Zeiten zogen spirituelle Aspiranten gewöhnlicher Weise als Bettelmönche weit durch die Lande, ebenso wie der Guru-Lehrer. Sie waren normalerweise Mönche, die nie an irgendeinen Ort gebunden waren, die herumzogen und den göttlichen Nektar des Wissens verbreiteten. Doch während der viermonatigen Regenzeit, lebten der Guru-Lehrer und die suchenden Schüler an einem Platz und unterzogen sich einem rigorosen Training. Diese Tradition, bekannt als Chaturmasva-Vratam findet man auch heute noch. Sie beginnt an Guru Purnima.

Obwohl das Leben von Lehrer und Schüler für das ganze Leben, für die Wahrheit vereint ist, haben diese vier Monate Monsun eine tiefe spirituelle Botschaft. Nach den sengenden Sommermonaten bringt tropischer, sintflutartiger Regen den Pflanzen neues Leben, überschwemmt die Flüsse und kühlt die Erde. Jeder Person sind die Tri-tapas eingebrannt: adhibhatiaka (materielle), adhidavivika (psychologische), and adtyatmita (unvorhergesehene) Leiden. Durch die Gnade des Gurus -  das Ausströmen göttlicher Liebe - wird der Geist des Schülers von Hass, Ärger, Eifersucht, Ego und so weiter befreit. Das ist Regen. Durch den Strom der Liebe, ist der Baum des Lebens voller Blüten und Früchte. Wissen erwacht. Wie der überflutete Fluss zum Ozean rauscht, so verschmilzt das individuelle Lebensbewusstsein mit dem Ozean des kosmischen Bewusstseins.

Das viermonatige Training ermöglicht es einem Schüler, mit den vierfachen Qualitäten der Schülerschaft (sadhana chatustayay) ausgestattet zu werden und die vierfachen inneren Instrumente zu reinigen oder sogar zu eliminieren (antah karana catustaya).

Die vierfachen Qualitäten eines Schülers sind folgende:

1.Viveka ― Unterscheidungsvermögen, zu wissen was gut und schlecht, was wirklich und unwirklich ist;

  1. Vairagya ― ohne Verhaftung, ein Leben der inneren Ablösung führen;
  2. Shrama damadi sat sampati ― der sechsfache Reichtum der geistigen Kontrolle, Kontrolle über die Sinne, Liebe für einen höheren Lebenssinn, Glaube an die Lehren der Schriften und Lehrer, Nachsichtigkeit und Ausgeglichenheit im Leben;
  3. Mumuksutvam ― Wunsch nach Befreiung

Die vier inneren Instrumente sind:

  • Geist
  • Intellekt
  • Ego
  • Erinnerung

Der Guru und der Schüler

Die Beziehung zwischen Guru-Lehrer und Schüler ist göttlich, einzig mit dem Ziel der Selbst-Entfaltung. Sie dienen einander gemäß ihren eigenen Fähigkeiten, und das Ziel ist immer ein spirituelles. Während der vier-monatigen Trainingsperiode lernt der Schüler durch den Dienst und die Demut den spirituellen Lebensstil unter der direkten Aufsicht des Meisters. Der Meister arbeitet daran das Leben des Studenten zu transformieren, indem er sein Ego und seine Unwissenheit beseitigt.

Es gibt eine wunderschöne Geschichte des Heiligen Vyasa und seines Schülers Jaimini. Jaimini war ein bedeutender Gelehrter und ein aufrichtiger Schüler des Heiligen Vyasa, aber er hatte etwas Ego in Bezug auf sein eigenes intellektuelles Wissen. Eines Tages hat der Weise Vyasa etwas zu einer Schrift diktiert und Jaimini hat Notizen gemacht. Der Weise Vyasa hat einen Vers gedichtet, der auf folgendes hinweist, valavad indriya gramam panditan apakarsant: Die Sinne sind so mächtig, dass selbst ein Mann des Wissens manchmal Fehler begeht.“

Als Jaimini dies hörte, dachte er, „Das ist nicht möglich. Wenn jemand ein Mann des Wissens ist, wie kann er dann von der Versuchung der Sinne überwältigt werden? Vielmehr wird er sie überwinden.“ Mit diesem Gedanken modifizierte er den Vers wie folgt, valavad indriya granam panditanapakarsanti: Auch wenn die Sinne sehr mächtig sind, ein Mann des Wissens ist frei von Fehlern.“

Der allwissende Weise Vyasa hat nichts dazu gesagt. Er wollte seinem Schüler die Wahrheit des Lebens auf andere Weise vermitteln. Am Nachmittag hat der Weise Vyasa Jaimini mitgeteilt, dass er für eine dringende Arbeit an einen entfernten Ort aufbrechen müsste, und dass er für mehrere Tage abwesend sei. Er übergab Jaimini die Aufgabe sich um das Opferfeuer zu kümmern. Dann ist der Weise Vyasa aufgebrochen. An diesem Abend zog sich Jaimini nach dem Gebet in das Zimmer mit dem Opferfeuer zurück um zu meditieren. Draußen stürmte und regnete es, und es ging ein sehr starker Wind. Jaimini hörte wie jemand an die Tür klopfte. Er öffnete die Tür und sah eine schöne, junge Frau. Er fragte, was er für sie tun könnte.

Sie sagte, „ich bin auf dem Weg zu meinem Dorf, aber wegen dem Regen und Sturm kann ich nicht weiter gehen. Können Sie mir bitte einen Unterschlupf für die Nacht gewähren?“ Jaimini erlaubte ihr aus Gastfreundschaft einzutreten und die Nacht in der Hütte zu verbringen. Die junge Frau sagte, dass es für einen Brahmachari (jemand, der im Zölibat lebt) nicht gut wäre die Nacht im selben Raum zu verbringen. So ging Jaimini hinaus und versuchte draußen zu schlafen.

Nun begann das Spiel der Verblendung. Jaimini saß schweigend, doch sein Geist rannte zu dieser jungen Frau und ihrer Schönheit. Er dachte bei sich, „Es wäre gut die einsame Nacht mit ihr im Gespräch zu verbringen.“ So klopfte er an die Tür und sagte, dass es außen kalt sei, und es schön wäre, innen zu sein.

Sie protestierte, aber Jaimini trat trotzdem ein. Er versuchte mit ihr zu sprechen und schaute sie ständig an, was ihr nicht gefiel. Allmählich wurden seine Sinne immer mächtiger und benebelten sein Bewusstsein. Er kam ihr näher, berührte sie und sagte ihr, dass er mit ihr für eine Weile zusammen sein möchte.

Sie sagte, Sie sind ein Brahmachari, Sie sollten nicht so denken. Das ist nicht gut.“ Blind vor Leidenschaft berührte er ihre Füße und bat um ihre Zustimmung. Zuletzt willigte sie unter der Bedingung ein, dass er sich vorbeugen sollte, wie ein Pferd laufen sollte, und sie würde sich auf seinen Rücken setzen, und er sollte sieben Runden nahe dem Opferfeuer machen. Dann könnte er sie haben. Jaimini stimmte zu.

Während Jaimini versuchte wie ein Tier mit der Frau auf seinem Rücken sitzend zu laufen, begann sie den Vers zu murmeln, den der Weise Vyasa am Morgen diktiert hatte und den Jaimini modifiziert hatte, „auch wenn die Sinne mächtig sind, ein Mann des Wissens begeht keinen Fehler.“ Als Jaimini dies hörte, realisierte er seine eigene Schwäche. Er stand auf um sie zu verlassen, aber ihre zwei großen Arme umklammerten ihn und hielten ihn fest. Es waren nicht die verlockenden Arme der Jungfrau, sondern die Arme seines geliebten Guru, dem Weisen Vyasa.

So lehrte Vyasa seinem Schüler die Wahrheit des Lebens und wie man bei jedem Schritt im Leben immer vorsichtig und wachsam sein sollte. Der Guru transformierte das Leben des Schülers um es spiritueller und wertvoller zu machen.

Mögen die Segnungen Gottes, des Weisen Vyasa und aller göttlichen Meister das Leben eines jeden spirituell Suchenden erfüllen und sie befähigen das Ziel des Lebens zu erreichen. Lassen Sie uns alle mit einem Übermaß an Frieden, Glückseligkeit und Freude zu dieser besonderen Gelegenheit von Guru Purnima, dem Tag der Meister, die Blume der Hingabe und der Liebe zu den göttlichen Füßen des Meisters darbieten und in jedem Schritt unseres Lebens ihre göttlichen Führung suchen.